Kenne den Zweck deines Lebens

Neun Minuten Lesezeit. Veröffentlicht am 17. März 2019.

Der erste Artikel, der eine Frage beantwortet. Und die ist so gut, dass ich ihr einen ganzen Artikel widme. Es ist nicht nur eine Frage, es ist eine Sinnfrage—und wahrscheinlich sogar die Sinnfrage überhaupt.

Kenne den Zweck deines Lebens

Ich kann gar nicht genug zum Ausdruck bringen, wie wichtig es ist, dass du den Zweck deines Lebens kennst, oder den Sinn deines Lebens für dich gefunden hast, oder wie auch immer du das für dich formulieren möchtest, und dass du dein Leben tatsächlich danach ausrichtest.

Dir selbst einen Zweck zu geben bedeutet, deinem Leben Bedeutung zu schenken. Das solltest du als Geburtsrecht verstehen, und vehement verteidigen: Denn falls du keinen Zweck hast, dann deshalb, weil du ihn nicht beanspruchst.

Alle paar Jahre schaue ich wahnsinnig gerne Fight Club, und aus dem Film stammt dieses Zitat:

Werbung macht uns heiß auf Autos und Klamotten, wir arbeiten in Jobs die wir hassen, nur damit wir Scheiße kaufen, die wir nicht brauchen. Wir sind die mittleren Kinder der Geschichte, man. Kein Zweck oder Platz. Wir haben keinen Weltkrieg. Keine Große Depression. Unser Weltkrieg ist ein spiritueller Krieg… Unsere Große Depression ist unser Leben. Wir alle wurden durch den Fernseher erzogen zu glauben, dass wir eines Tages alle Millionäre werden würden, und Filmgötter, und Rockstars. Aber das werden wir nicht. Und langsam begreifen wir diese Tatsache. Und wir sind sehr, sehr angepisst.

Und wenn du darüber nachdenkst, dann hat das Sinn.

Alles rund ums Leben in der modernen Welt ist einfach. Wie ich hast du Zugriff auf das beste Essen, die beste Unterhaltung, das Beste vom Besten von überhaupt Allem. Auf Dinge, von denen unsere Vorfahren nur schon vor ein paar Generationen nicht mal zu träumen wagten.

Es gab eine Zeit, in der du, wenn du dir nicht den Arsch aufgerissen hast bei dem was du getan hattest, verhungert wärest. Du konntest an Hunger sterben.

In unserer modernen Gesellschaft ist das nahezu unmöglich. Und wenn du diese Zeilen liest, dann bedeutet das, dass du Deutsch lesen kannst, also ein Mindestmaß an Bildung hast, und dass du Zugriff aufs Internet hast.

Das bedeutet, dass egal was für eine Scheiße in deinem Leben passiert, es nahezu unmöglich ist, dass es so scheiße wird, dass es dich ernsthaft bedroht an Hunger zu sterben.

Damit geht einher, dass der Zweck des Lebens ursprünglich „Überleben“ war. Überleben und Fortpflanzung. Du würdest arbeiten, um deine Familie und dich zu ernähren, Kinder zu haben, und dann noch etwas mehr zu arbeiten, um deine Kinder zu ernähren.

Viele Menschen würden fast ein Dutzend Kinder haben, und ihre Zeit, in der sie nicht arbeiten, damit verbringen, ihre Kinder groß zu ziehen. Und nur ein Bruchteil der Kinder würde lange genug überleben um erwachsen zu werden, und der Rest würde an Krankheit und Unterernährung dahin raffen.

Das Leben war hart, und die meisten Menschen fanden spirituellen Trost in Göttern und Religion. Echte Bildung war rar, und selbst als Arzt oder Lehrer würdest du den ganzen Tag mit deiner Profession verbringen.

Du hättest dich bei aller Anstrengung nicht langweilen können—es gab immer Arbeit, die du tun musstest. Langweile, in der Form als Wort und Konzept, kam erst Ende des 18ten Jahrhunderts mit Beginn der industriellen Revolution in unser Kulturverständnis.

Das Leben wurde immer bequemer: Du konntest mehr bekommen indem du weniger getan hast. Und jetzt kannst du gut über die Runden kommen (genug Essen und ein Dach über dem Kopf haben um zu überleben), indem du nahezu nichts tust.

Wir Leben im Zeitalter des Überflusses. Der Überlebensinstinkt, Dinge zu tun, ist verschwunden.

Und das hat zu einer Generation von Menschen geführt, die das erste Mal im Laufe unserer Menschheitsgeschichte ein Leben leben können, das keinem Zweck dient. Wir können jeden Tag für Stunden fernsehen und unser Bedürfnis nach Unterhaltung und menschlichen Verbindungen stillen. Wir können mit Pornos unser sexuelles Verlangen stillen. Wir können billiges Essen essen und damit unseren Hunger stillen, ohne sofortige Konsequenzen zu verspüren.

Klar, auf lange Sicht ist das nicht gut, allerdings in einem unmittelbaren Sinn verständlich: unsere Bedürfnisse sind gestillt.

Die Freiheit von der Notwendigkeit, das eigene Überleben zu sichern, ermöglicht es Menschen, ein Leben zu führen, das auf einem kontinuierlichen Strom von kurzfristigem Vergnügen basiert. Wann immer sie es wollen.

Das schafft eine „Zombie“-ähnliche Existenz, in der sich die Menschen fragen, warum sie existieren, warum sie unzufrieden sind, obwohl sie alles haben, was sie brauchen könnten, und was der Zweck oder der Sinn des Lebens ist.

Existieren sie nur, um einen Job zu machen, Chips zu essen, Fernsehen zu schauen und einige Zeit später zu sterben und dann aufzuhören zu existieren? Ein Leben voller ewiger Unterhaltung und doch ewiger Langeweile? Es stellt ihnen die Frage, ob ein solches hedonistisches Leben noch ein lebenswertes Leben ist.

Gautama Buddha war ein Prinz, der Zugang zu allem hatte, was er nur wollte oder brauchte. Sein Vater, der König, sorgte dafür, dass Gautama in seinem Leben keine Probleme oder Schwierigkeiten hatte.

Wenn er gesagt hätte, dass er etwas will, hätte er es bekommen. Wenn er wollte, dass sich etwas ändert, würde sich das ändern. Ein echter Blaublütler, durch und durch. Und trotzdem war er massiv frustriert.

Später würde er auf alles verzichten und eine Glaubensströmung schaffen, die heute als Buddhismus bekannt ist, eine Lebensweise, die sich auf Disziplin, Selbstbeherrschung und Loslassen von Bindung an alles „Materielle“ konzentriert.

Eines ist klar—egal, was der Sinn des Lebens ist—es ist nicht das Streben nach Vergnügen und materiellen Dingen.

Fight Club befürwortet den Nihilismus, den Glauben, dass nichts einen Sinn hat und alles unbegründet ist. Mit anderen Worten, er leugnet die Existenz eines jeden Zwecks des menschlichen Lebens vollständig. Allerdings ist der Nihilismus grundlegend fehlerhaft. Die Dinge haben eine Bedeutung.

Frag eine werdende Mutter, was ihr Zweck ist, und sie wird es dir sagen.

Der Nihilismus ist keine Erklärung für eine Welt ohne Zweck, er ist das Nebenprodukt einer solchen.

Bisher bin ich zu dem Schluss gekommen, dass die Dinge einen Zweck haben—und dieser Zweck hat nichts mit materieller und unmittelbarer Sinnesbefriedigung zu tun.

Wenn du an „Zweck“ denkst, wirst du vielleicht an Filme erinnert, in denen der Protagonist von jemandem als Kind schwer verletzt wurde und sein Leben der Rache widmet, und in seinem Streben nach Rache trifft er auf ein Mädchen, und im Laufe der Zeit schlägt er diejenigen, die ihm Unrecht getan haben, heiratet das Mädchen und lebt glücklich bis ans Ende seiner Tage.

Die meisten Menschen, die ich gefragt habe, „Was ist der Zweck deines Lebens?“, erinnern sich nicht daran, dass jemand sie gehörig verletzt hat, und sie ihrem Leben der Rache beliebiger Art verschrieben hätten. Meist hörte ich eher ein „Ich habe keinen Zweck in meinem Leben“, oder eben, „Ich weiß nicht, was der Zweck meines Lebens ist.“

Kürzlich las ich wieder etwas von Carl Jung, der dazu treffend meinte, dass wenn dich die Welt fragt, wer du bist, und du es nicht weißt, dir das die Welt sagen wird.

Für den Augenblick möchte ich deshalb auch auf das Wort „Zweck“ verzichten. Das Problem mit dem Wort Zweck ist, dass es einen singulären Lebensschwerpunkt impliziert—alles dreht sich um die Erreichung dieses einen Ziels—was in einem facettenreichen Leben einfach keine Realität darstellt.

Deshalb frage ich dich zuerst: Wer bist du?

Du bist schon mal nicht dein Name. Dein Name ist eine akustische Hülse um dich zu identifizieren. Was du bist, ist eine Funktion deiner Gene (Natur) und deiner bisherigen Lebensreise (Pflege).

Lasst uns in der Zeit zurückreisen, als du noch ein Kind warst. Erinnerst du dich an diese Zeit? Was wolltest du werden als du ein Kind gewesen bist?

Für die meisten Menschen war es etwas, dass eine Art von Abenteuer beinhaltete, Kreativität, Aufregung. Astronaut, Wissenschaftlerin, Schauspieler, oder vielleicht Ärztin? Irgendetwas mit Dinosauriern, Raketen, Autos, Menschen?

Und für die meisten Kinder ging die Geschichte dann wie folgt weiter, dass ihnen gesagt wurde, „Nee, das kannst du nicht machen. Was willst du wirklich werden?“, oder schlimmer, „Wir haben aber entschieden, dass du dieses oder jenes wirst.“

Und so ging es weiter, sie trafen eine „erwachsene“ Wahl (oder es wurde eine für sie getroffen). Sie wählten etwas aus, von dem sie dachten, dass sie es tun könnten, auch wenn sie keinen wirklichen Spaß daran haben (aber auch nicht ganz hassen), und jetzt scheint das Leben wie eine Pflicht. Eine langweilige, farblose Realität.

Unerfüllt erkennen sie als Erwachsene, dass, wenn sie als Kind wüssten, wie ihr Leben ausgehen würde, sie extrem enttäuscht sein würden. Aber sie bemerken auch die harte Realität: Sie können das Rad der Zeit nicht zurück drehen.

Ich wollte unter anderem Astronaut werden. Und obwohl es eine großartige Idee ist, ist es für mich praktisch unmöglich, jetzt einer zu werden. Mein Leben hat sich viel zu stark verändert, als dass ich jemals hoffen könnte, einen Weg zu beschreiten, der mich ins All führen würde.

Und das ist in Ordnung. Ich stelle dir diese Frage schließlich auch nicht, damit du dich schlecht fühlst.

Was du als Kind gemocht hast, ist ein Hinweis auf die Bereiche, an denen du natürlich interessiert bist, bevor sich die Gesellschaft in deinem Kopf ausbreitete und dir sagte, du sollst tun „was Sinn hat“.

Das, was du als Kind gemocht hast, ist auch nicht dein Zweck, aber es ist ein Leitfaden, der dir sagt, in welche Richtung dein Zweck liegen könnte.

Die Antwort auf die Frage „Was wolltest du sein, als du ein Kind warst?“ offenbart dir, was du vom Wesen her gerne machen würdest. Es ist ein allgemeiner Bereich von Dingen, die deinen Geist, Körper und Seele erfüllen werden.

Fangen wir also mit einem wichtigen Aspekt an: Worin bist du gut?

Wenn du einen Zweck verfolgst, du aber kein Talent darin hast, wirst du es nicht gut machen. Das Leben wird ein Kampf sein, wie das Leben der 30jährigen Schauspieler, die mir meinen zuckerfreien Kaffee gebracht haben, wann immer ich ihn will.

Glücklicherweise gibt es einen Silberstreif am Horizont. Die Dinge, in denen du gut bist, sind die Dinge, die du gerne tun wirst.

Als Kind spielte ich gerne Schach, nicht weil ich vielleicht im Alter von drei Jahren eine besondere Liebe zum Spiel gehabt hätte—ich mochte es, weil ich gut darin war. Als Kind war ich fast unschlagbar. Und du magst sicher auch etwas, worin du sehr gut bist.

Als du ein Kind warst, worin warst du gut? Also natürlich talentiert, ob du es einfach und ohne großen Aufwand hin bekommen hast. Etwas, das du einfach und ohne viel Unterricht machen konntest und das du im Vergleich zu anderen Kindern außergewöhnlich gemacht hast. Naval Ravikant nennt das „spezifisches Wissen.“

Es könnte sein, dass du großartig im Verkauf warst und die Leute davon überzeugt hast, deinen Standpunkt zu sehen, oder dass du ein unglaubliches Talent für Musik hattest, oder dass du wirklich großartig in Videospielen warst (also du ein großes Verständnis für Spieltheorie und Wahrscheinlichkeiten hast), dass du vielleicht richtig gut im Lesen warst (und eine Fähigkeit zum Schreiben oder Erstellen von Videoinhalten hast), oder dass du großartig in Zahlen warst und logische Probleme löst (Technologie).

Es war nicht etwas, dass du absichtlich aufgebaut hast. Es war etwas, dass ein Teil deiner DNA und deiner Erziehung war. Sozusagen deine natürlichen Talente.

Kombinieren wir die Antworten auf die beiden Fragen und suchen wir nach einem Weg, wie du deine natürlichen Talente (die du gerne tust, weil du gut darin bist) nutzen kannst, um etwas zu tun, was du als erfüllend empfindest. Mit anderen Worten, wir suchen nach etwas, wofür du leidenschaftlich sein kannst. Ich sage nicht, dass du heute leidenschaftlich dafür brennen musst, sondern etwas, wofür du leidenschaftlich brennen kannst—etwas mit diesem Potenzial.

Hier sind ein paar Beispiele:

Ein natürliches Talent für Zahlen und ein Interesse an Mathematik können dich zu einem guten Kandidaten zum Aktienhandel werden lassen.

Ein natürliches Verkaufstalent und das Interesse an Gesprächen mit vielen Menschen (Extrovertiertheit) sind gute Grundlagen zum Makeln von Immobilien.

Ein natürliches Talent zum Geschichtenerzählen und ein Interesse am Kino sind großartige Voraussetzung für das Arbeiten an Filmen.

Denke daran, dass nicht alle Wege für dich Sinn haben werden. Das ist der Punkt. Du suchst den richtigen Weg für dich selbst. Tue, was für dich funktioniert—auch wenn es für alle anderen unlogisch klingt.

Lass uns einen anderen wesentlichen Faktor berücksichtigen: Kannst du damit Geld verdienen? Und fast immer ist die Antwort darauf: ja, kannst du. Dank Internet—wenn du wirklich Spaß an der Sache hast und du wirklich gut darin bist, kannst du einen Weg finden, damit Geld zu verdienen. Es mag einige Zeit dauern, bis das Geld kommt, aber es ist wahrscheinlich machbar.

Es werden sicherlich auch keine Millionen von Euros werden. Es ist viel besser, „ganz in Ordnung“ Geld zu verdienen, indem du etwas tut, das du genießt und dich spirituell erfüllt, als viel Geld zu verdienen, indem du etwas tust, dass dich darüber nachdenken lässt von der Brücke zu springen als zur Arbeit zu gehen wenn du aufwachst.

Es sollte jedoch das Potenzial haben, dir ein gutes Leben zu ermöglichen. Es liegt keine Würde darin, ein in Armut lebender Künstler zu sein. Denn wenn du Interesse an obskuren Sachen hast und gut in ihnen bist, für die allerdings niemand bezahlen wird, dann bist du leider auf ein mögliches Hobby gestoßen, aber nicht auf einen Zweck.

Aber lass dich nicht entmutigen. Denke daran, das Internet macht vieles möglich. Ich erinnere mich deutlich an jemanden, der mit dem Verkauf von handgezeichneten Bildern auf Visitenkarten einiges an Geld verdient hat.

Und wenn du erstmal eine Verbindung aus „Dingen, die dir Spaß machen“, „Dinge, in denen du gut bist“ und „Dinge, die den Kühlschrank füllen“ gefunden hast—herzlichen Glückwunsch, du hast einen Zweck gefunden. Oder genauer gesagt, du hast den Kern deiner Bestimmung gefunden. Du kannst diesem Weg folgen und deinen Zweck und Sinn des Lebens erschaffen.

Und je mehr du es tust, desto mehr wirst du es mögen, und desto besser wirst du darin. Es wird langsam zu dem, als ob es das wäre, wozu du auf diesen Planeten gekommen bist. „Zweck.“

Wird das einfach werden? Nein. Die moderne Welt ist noch immer viel zu bequem. Und die meisten Menschen, die das hier lesen, werden diesen Weg für vielleicht fünf Tage beschreiten, bevor sie wieder mit dem bingen von Serien weiter machen.

Wenn du deinen Zweck tatsächlich verwirklichen willst, musst du deinen Überlebensinstinkt wiedererlangen. Bequeme Entscheidungen schwächen den Menschen, körperlich und geistig. Du musst die Angst vor den Folgen der Rückkehr in dein altes Leben spüren.

Begreife, dass du zu deinem alten Leben zurückkehren kannst, und es wird einfach und bequem sein, aber der Preis, den du zahlst, wird ein Leben lang Bedauern und Nichterfüllung sein. Füge dir selbst Schmerz, Leid und Widrigkeiten zu.

Und falls du dich fragst, ob du zu alt seist, und du bereits dein ganzes Leben lang etwas anderes gemacht hast, und es also zu spät sei—die Antwort darauf ist „nein.“ Es ist niemals zu spät.

Wenn du jung bist, dann kannst du wahrscheinlich dein Leben komplett auf den Kopf stellen und es in eine völlig neue Richtung lenken.

Wenn du alt bist, sagen wir mal älter als Mitte 30, dann wird es extrem schmerzhaft sein, sich komplett zu verändern. In diesem Fall empfehle ich dir nicht, das Leben komplett auf den Kopf zu stellen, sondern definitiv das zu machen, was du als Hobby oder Nebenerwerb gefunden hast. Wenn alles klappt, dann weißt du, wie du vorgehen musst.

Und zum Schluss

Wenn du einen anderen Ansatz brauchst, oder denkst, dass es ein westliches Problem sei, dann ist vielleicht folgender Wikipedia-Artikel etwas für dich: Ikigai.

Und sonst: Stell mir Fragen, oder triff dich auf einen Kaffee mit mir.