Fünf mal Fünf

Acht Minuten Lesezeit. Veröffentlicht am 17. Februar 2019.

Nicht über den Titel erschrecken: Ich bin nicht unter die Numerologen gegangen, und ich schreibe dir auch nicht von meinem glorreichen Trainingsprogramm. (Außer später vielleicht ein bisschen, wenn ich es tue.) Stattdessen gibt es eine „Regel“, die dir hilft, dich etwas anders zu reflektieren und vielleicht Entscheidungen zu treffen.

Die 5×5-Regel

Vor ein paar Tagen bin ich auf folgendes Zitat von James Altucher gestoßen:

Die 5×5-Regel—du bist der Durchschnitt von…

  1. …den fünf Menschen, mit denen du die meiste Zeit verbringst.
  2. …den fünf Lebensmitteln, die du am häufigsten isst.
  3. …den fünf inhaltlichen Quellen, die du hauptsächlich konsumierst.
  4. …den fünf Angewohnheiten, denen du am häufigsten folgst.
  5. …den fünf Ideen, über die du am meisten nachdenkst.

An sich bin ich kein Freund davon, Dinge zu vereinfachen nur um sie einfach zu machen oder gar in schlichte Regeln umzuformulieren. Nach der Reduktion auf’s Wesentliche kommt schließlich vereinfacht, und vereinfacht wird selten einer Sache gerecht, besonders wenn es mit Menschen zu tun hat. Und „Regeln“ sind fast immer nur Werkzeuge, und selten Prinzipien, und helfen nicht beim Verstehen, sondern nur beim Anwenden.

Was mir bei dieser Regel von James Altucher dann allerdings gefällt, dass sie tatsächlich einige Prinzipien aus der Persönlichkeitsentwicklung aus der Sicht von Gewohnheiten zusammen trägt, und sie in ihrer Einfachheit nicht einfach ist. Jeder der Punkte von dieser Regel öffnet ein Fass: Wenn du es zulässt, kannst du dich mit jedem einzelnen Punkt ein Leben lang beschäftigen. Und du es vielleicht sogar solltest, denn sie machen dich aus—auch ein Leben lang.

Die Regel und was du daraus machen kannst:

1. Du bist der Durchschnitt von fünf Menschen, mit denen du die meiste Zeit verbringst

Wahrscheinlich hast du davon schon gehört oder gelesen, wenn du in einer Buchhandlung falsch abgebogen und in der Ecke der Selbsthilfe-Bücher und Ratgeber gelandet bist. Das ist eine dieser Aussagen, die so einfach und selbsterklärend ist, dass sie trivial erscheint. Aber es ist gleichzeitig die mit am schwersten umzusetzende:

In erster Linie sind Menschen soziale Tiere, und daher erst Menschen im Umgang mit anderen Menschen. Wenn du das bewusst für dich selbst und dein soziales Umfeld nicht nur akzeptierst, sondern bereits versucht hast es so zu „gestalten“—mit wem du umgehst—, hast du schon gemerkt, wie unglaublich schwer das ist. Gar nicht mal so sehr, wenn es darum geht, neue Menschen kennen zu lernen, sondern dich bewusst von alten Bekannten zu verabschieden. Schließlich musst du dir ernsthaft überlegen, wie sie in deinem Leben stehen, und noch schwerer: Wo du in deinem Leben stehen willst, und ob sie dich vielleicht daran hindern, wie auch immer.

Der Urahn der Persönlichkeitsentwicklung, Napoleon Hill, sprach dabei vom „Mastermind-Prinzip“, bei dem diverse erfolgsorientierte Menschen regelmäßig zusammen kommen, um einander zu helfen ihre Ziele zu erreichen. Der Großvater der Persönlichkeitsentwicklung, Brian Tracy, spricht von der „Referenzgruppe“: Der Gruppe von Individuen, die dich umgeben, und denen du immer ähnlicher wirst, ob du willst oder nicht. Ihr Denken durchdringt früher oder später dein Denken.

Was so wunderbar positiv klingt, ist allerdings realistisch gesehen eher ein Problem: Es ist leichter, negativ zu sein als positiv. Und beschissene Menschen neigen deshalb dazu, sich mit beschissenen Menschen zu umgeben, und wenn sie es nicht tun, dann ziehen sie die Menschen in ihrem Umfeld früher oder später herunter. Und wenn es nur damit anfängt, wie sich solche Menschen über die Beschissenheit von anderen Menschen äußern. Und weil beschissene Menschen selten dazu lernen, wiederholen sie diese Schleife immer wieder mit neuen (dann) beschissenen Menschen. Von solchen Menschen solltest du dich ohnehin, egal was dein Ziel im Leben ist, trennen.

Natürlich ist es schwer, wenn du so jemanden in deiner Familie hast. Wer sagt einem Familienmitglied schon gerne: „Ich habe mich dafür entschieden, dass du ein Totalausfall bist. War nett mit dir zu reden. Danke. Tschüss.“ Da musst du dir vielleicht überlegen, wie du sie nur auf gutem Fuß erwischt oder sie an einen Ort bringst, an dem sie sich wohl fühlen.

Und genauso musst du aufpassen, dass du dich nicht nur mit Menschen umgibst, die sich nicht um dich scheren, oder dass du irgendwie davon abhängig geworden bist ihren Worten zu lauschen, und darüber vergisst, tatsächlich selbst deinen Arsch hochzubekommen. (Sonst bist du der beschissene Mensch.) Lerne von deinen Vorbildern, klar, aber früher oder später musst du selbst anfangen Dinge zu tun: Die einzige Möglichkeit, die damit verbundenen Ängste zu überwinden, ist, dass du dich ihnen stellst. Denn egal wie gut du dich vorbereitet hast, nichts wird dich davor schützen Fehler zu machen. Mach Fehler. Lerne. Und tausche dich mit deinem Umfeld darüber aus. So merkst du ohnehin sehr schnell, wer wie zu dir steht.

2. Du bist der Durchschnitt von den fünf Lebensmittel, die du am häufigsten isst

Meine Güte, ich bin Pizza! (Aber nicht Pudding.) Aber auch Onigiri und Curry und und und. Und auch hier, so einfach, dieser Punkt: Natürlich bist du das, was du isst, weil es dich letztlich macht und dich nicht bloß versorgt, sondern Grundlage ist. Ernährung ist ein wichtiges Thema, und selbst wenn du kein Interesse daran hast, „Carbs zu cutten“, deine Makros zu berechnen oder völlig „Keto” zu gehen, sollte dir klar sein, dass deine Ernährung immer, jedes Mal, eine Entscheidung ist, und daher bewusst sein sollte.

Wenn du dich „nur“ bewusst ernähren willst, so wie ich es gerade tue—ich gehe einfach viel zu gerne Essen und Kaffee trinken—, kannst du mit ein paar Dingen im Hinterkopf mit wenig Aufwand viel Erreichen:

Wenn es etwas ist, dass es nur gibt, weil der Mensch es gemacht hat, iss es nicht

Anders formuliert: Wenn du das, was du essen möchtest, nicht ungekocht in freier Natur finden kannst, dann solltest du es wahrscheinlich nicht essen. Wenn es eine Kombination ist, so wie ein Eintopf, dann solltest du in der Lage sein, die Zutaten physisch zu trennen, und sicher stellen, dass du sie in der Natur finden könntest. (Und leider findet man selten Pizza in der Natur von Neapel.)

Wenn es weiß ist, iss es nicht

Eine andere generelle Richtlinie, die natürlich auch Ausnahmen hat, wie Kartoffeln, Blumenkohl, Reis, Bohnen. Die fallen ja aber ohnehin unter die erste Regel. Viele Brotsorten, diverse Mehlsorten, Zucker oder gar Speisestärke sind nicht in Ordnung. Etwas Salz ist gut für dich.

Das ist auch der Grund, warum die meisten nicht-verderblichen Lebensmittel, die in Packungen verkauft werden, dich fett machen. Sie bestehen aus einfachen Kohlenhydraten, die beim Verzehr (schnell) zu Zucker zerfallen. Und nein, das ist keine E-Mail darüber, wie scheiße Zucker für dich ist, aber du wirst sicher nicht darunter leiden, wenn du nie wieder (hinzugefügten) Zucker isst.

Trink keine Kalorien

Das gilt besonders für die Vermeidung von Softdrinks, Säften, schwachsinnigen Starbucks-Getränken—und Alkohol. Ich trinke gelegentlich selbst gerne etwas am Samstagabend und bei einigen Ausnahmen, allerdings sehe ich oft, dass das bei erstaunlich vielen nicht so gehandhabt wird. Aus diversen Gründen solltest du deinen Alkoholkonsum mal kritisch betrachten.

Wenn du ein konkretes Ziel hast

Hast du tatsächlich vor, dich nicht „nur“ bewusst zu ernähren, sondern verfolgst ein klares Ernährungsziel, kannst du deine Ernährung mit einer Fünf-Punkte-Strategie leicht evaluieren und anpassen:

  1. Plane dein Essen im Voraus (dann gehst du auch weniger Essen).
  2. Bereite so viel davon vor, wie du kannst (und wenn du schon nur keine Lebensmittel verschwenden willst).
  3. Tu es.
  4. Analysiere deine Ergebnisse.
  5. Pass deinen Plan gegebenenfalls an.

Dann wird deine bewusste Ernährung zu einer Gewohnheit.

3. Du bist der Durchschnitt von den fünf inhaltlichen Quellen, die du hauptsächlich konsumierst

Auch dieser Punkt ist schnell verstanden, und zur Abwechslung etwas leichter umzusetzen. Zumindest wenn du dich nicht angepisst fühlst, in deinen Grundwerten erschüttert oder deiner Glaubenswelt verletzt, wenn du deinen Konsum tatsächlich kritisch betrachtest:

Scheiße geht rein, Scheiße kommt raus.

Ob du die BILD-Zeitung liest, zu deinen meist konsumierten Sendungen so etwas wie „Bauer sucht Frau“ gehört, Casting-Shows, oder dein Ding anderen Menschen im Dschungel zuzusehen ist; wenn die von dir gelesenen Bücher populistischer und vereinfachter Schwachsinn sind, oder menschliche Beziehungen trivialisieren, bewerten oder in Schwarz-und-Weiß oder „wir gegen sie“ darstellen; wenn dein Nachrichtenkonsum daraus besteht, sich durch das Übel in der Welt berieseln zu lassen oder dich am Leid anderer Menschen schaulustig scheinheilig zu ergötzen und virtuellen Katastrophentourismus zu betreiben.

Genauso wie du dich mit Menschen umgeben musst, die dich nach oben ziehen, solltest du dich mit Medien umgeben, die dasselbe tun. Egal ob es Bücher sind, Videos, oder Hörbücher: Eines der größten Wunder unserer Zeit ist, dass du dich jederzeit und überall mit den größten Geistern und Denkern über Jahrtausende hinweg umgeben kannst. Lass dich inspirieren von dem, was für dich Erfolg ist, von Visionen von dem, wo du in der Zukunft sein willst. Visualisiere Dinge. Wachse bewusst. Hör damit auf, Dinge zu tun und zu konsumieren, die dich nicht weiter bringen. Konzentriere dich darauf, was du erreichen willst, langfristig.

Falls du also Scheiße konsumieren solltest: Nimm genau diese Zeit, und höre, lese und sieh Dinge, die dich in deiner Entwicklung unterstützen und voran bringen. Nimm dir zum Beispiel zwei halbe Stunden am Tag, und in ein paar Jahren ist dein Leben ein komplett anderes.

4. Du bist der Durchschnitt von den fünf Angewohnheiten, denen du am häufigsten folgst

Und wo der vorherige Punkt so „einfach“ ist, ist dieser wieder sehr schwer. Kennst du tatsächlich deine Angewohnheiten? Was machen sie aus? Und hast du dir darüber schon Gedanken gemacht, wohin sie dich in Summe in Zukunft führen? Wahrscheinlich möchtest du einige Gewohnheiten lieber lassen, statt dir neue zu überlegen.

Wenn du Ideen für ein paar neue Gewohnheiten brauchst, hier ein paar Vorschläge:

Treib regelmäßig Sport

Die Idee dabei sollte nicht für dich sein, dass du toll aussiehst, sondern deinen Körper in Bewegung hältst und idealerweise deinen Körper befähigst, stärkst und dir ein gesundes Zuhause für deinen Geist schaffst. Unterscheide prinzipiell zwischen zwei Ansätzen: Du kannst Sport treiben, um deine Leistung zu steigern, und du kannst Sport treiben, um gesund zu werden oder zu bleiben. Früher oder später schließt das eine das andere aus.

Und damit ich mal die Brücke zu dem Titel vom Newsletter schlage: Ich habe mich deshalb für das 5×5-Trainingskonzept entschieden (bei dem ich Glück habe, es mit einem Freund zusammen machen zu können—danke Hü). Für dich ist es vielleicht, oder eher wahrscheinlich, etwas anderes. Finde es, arbeite es aus, und dann regelmäßig durch.

Arbeite ständig an dir

Arbeite ständig an dir und bewusst: Such immer das nächste Level. Wenn du nicht mehr erreichen kannst, such dir etwas neues, aber wenn es in deiner Reichweite ist, überleg dir, wie du da hin kommst. Finde Menschen, die dich nach oben ziehen, und denen dein aktuelles Level egal ist, weil sie deines übertreffen.

Lerne ständig Neues

Lerne ständig Neues, und früher oder später ist der Prozess des Lernens so viel spannender, ergiebiger und wichtiger als das Ergebnis des Lernens selbst. Akzeptiere und umarme die Angst, wenn sich Dinge ändern, und begreife sie als Gelegenheit, Dinge aus der Sicht eines Anfängers zu sehen. Wenn du neue Dinge lernst und tust, begibst du dich automatisch aus deiner Komfortzone.

Finde jeden Tag zu deiner inneren Mitte

Jeden Tag solltest du deine innere Mitte finden, sie annehmen, und dich selbst in den Mittelpunkt stellen. Meditiere. Lerne, deine Gedanken nicht wandern zu lassen, sondern sie zu kontrollieren. Mit all den externen Einflüssen und all den Nachrichten, die jeden Tag auf dich einprasseln, ist es umso wichtiger, dass du dir immer vor Augen hältst, wo du stehst, und wo du hin willst. Und wenn du deine Mitte gefunden hast, mach dir Erinnerungen dazu, und nimm sie dahin mit, wohin du gehst.

Bring anderen sofort bei, was du gelernt hast

Das ist eine Angewohnheit, die unglaublich fantastisch funktioniert. Wenn du etwas großartiges gelernt hast, bring es sofort jemand anderem bei. Du lernst es selbst und behältst es besser so, und das auch noch viel, viel schneller. Ruf am besten sofort eine Vertrauensperson an oder einen Freund, oder blogge darüber und lass andere daran Teil haben.

Gewohnheiten ändern

Wenn dich das Thema Gewohnheiten gezielt interessiert, reiche ich gerne die Empfehlung „Atomic Habits” von James Clear an dich durch. Faszinierende Lektüre.

5. Du bist der Durchschnitt von den fünf Ideen, über die du am meisten nachdenkst

Der letzte Punkt ist der abstrakteste: Statt Ideen könnten es genauso Prinzipien, Einsichten, Ansichten, Ideologien und so weiter sein—alles, was dein mentales Model formt und deine Wahrnehmung der Realität gestaltet. Natürlich werden das auch viele unbewusste Dinge sein, und falls du dir noch nicht bewusst darüber Gedanken darüber gemacht hast, dann ist genau jetzt die Zeit dazu. Auf der anderen Seite: Du liest diesen Newsletter!

Für dich selbst heraus zu finden, was diese Ideen sind, ist Voraussetzung dafür, unglaublich ehrlich und authentisch zu werden, direkt und unverblümt zu sein, den Leuten zu sagen, wie es ist, wenn sie etwas in deine Richtung falsch machen oder etwas, das du nicht billigst, und es ihnen so sagen kannst.

Vielleicht siehst du es wie ich, dass du an dir arbeiten musst, und nicht an anderen Menschen. Vielleicht stellst du genauso fest, dass dir eine Suche nach „wahrer” Bedeutung inne ist, die dich nach Hintergründen suchen lässt, den Subtext sehen lässt, oder Menschen durch ihre Körpersprache in einem anderen Kontext betrachtest. Und vielleicht ist eine deiner Ideen deine grundlegende Erkenntnis, dass vielleicht andere Recht haben. Oder es vielleicht einfach keine Rolle spielt.

Und zum Schluss

Für Trivia rund um die Fünf: Auf zum Wikipedia-Artikel! Da findest du mehr als ich Menschen selbst bei einem Kaffee zumuten würde.